Während des Nationalsozialismus wurde Victor Klemperer (1881–1960), Professor für Romanistik und deutscher Patriot, als Jude verfolgt. Als ihm der Zugang zu jeglichen Bibliotheken verwehrt wurde, sah er sich genötigt, eine Philologie der besonderen Art zu betreiben: Er widmete sich der Sprache seiner unmittelbaren Umgebung und analysierte politische Pamphlete, Reden von Goebbels und Hitler und die Alltagsgespräche in seiner Nachbarschaft. Er entkam der täglichen Gefahr der Verhaftung und Deportation, überlebte die Zwangsarbeit in der Fabrik, die Flucht und die Bombennächte. Aus seinen sorgfältig versteckten Notizen publizierte er bereits 1947 sein klassisch gewordenes Buch über die Sprache des Nationalsozialismus: LTI. Notizbuch eines Philologen – eine Analyse der Lingua tertii imperii (LTI), der Sprache des Dritten Reiches.
Das Buch, dem wir uns in den ersten Wochen des Semesters genauer widmen werden, ist über weite Teile ein subjektiver Erlebnisbericht: Geschildert wird eine verstörende sprachliche Dynamik, und zwar als Gegenstand der Erfahrung. Ist das noch Philologie? – Vielleicht erst recht. Aber was würde das für den Begriff der Philologie bedeuten? Klemperer reflektiert explizit darüber, dass ihm das Führen des philologischen Notizbuchs als Mittel sowohl gegen die Gefahr der Ansteckung durch das faschistische Idiom eingesetzt als auch zur emotionalen Distanzierung vor der unmittelbaren Todesgefahr. Mit philologischen Mitteln soll die Sprache der Täter wissenschaftlich durchdrungen und gebändigt werden. Nicht zuletzt verfolgt Klemperer dem Ziel, die deutsche Sprache vor nationalsozialistischen Elementen zu reinigen um sie auf langer Sicht zu rehabilitieren. Dass genau dieser Anspruch auf Grenzen stößt, ist unser Thema.
Wie ein roter Faden wird uns die zutiefst unheimliche Frage begleiten, ob man jemals vor der NS-Sprache immun sein kann. Was bedeutet es, wenn die Lingua Tertii Imperii, mit Klemperer gesprochen, "nach innen gerutscht" ist und sogar aus dem Munde der Opfer spricht? Wie steht es generell um eine 'gute, deutsche Sprache', die sich klar von der Sprache der NS-Zeit abgrenzt?
Die Auseinandersetzung mit der Sprache des Nationalsozialismus muss ein Kernanliegen der Literaturwissenschaft in deutscher Sprache bleiben. Ausgehend von Klemperer entwickelt die Vorlesung eine Reihe weiterer Lektüren, weiterer Erfahrungsberichte über die deutsche Sprache: Gelesen werden literarische, essayistische und theoretische Texte, die nicht immer auf deutsch geschrieben wurden, und die doch alle um die NS-Sprache kreisen. George Steiner schildert die deutsche Sprache auf Englisch, Primo Levi auf italienisch, Georges-Arthur Goldschmidt auf Französisch. Auch die deutschsprachigen (Exil-)Texte von Peter Weiss und Ruth Klüger gilt es, entsprechend komparatistisch zu lesen.
Literarische Beschreibungen sprachlicher Erfahrungen verfügen über philosophische und kulturtheoretische Implikationen. Umgekehrt wird eine theoriegeleitete Philologie benötigt, um etwa über die poetischen Verfahren sprechen zu können, mit denen Paul Celan oder Elfriede Jelinek die Sprache der Mörder bearbeiten. Die diskutierten Texte konfrontieren uns mit radikalen Verfremdungen auch der eigenen, vermeintlich vertrauten Sprache und werfen grundsätzliche Fragen auf: über sprachliche Verantwortung und die Grenzen der Verfügungsmacht über Worte, über das Verhältnis unserer Sprache zur Vergangenheit und nicht zuletzt über das Potenzial einer Germanistik, die bereit ist, die Sprachwahrnehmung gerade dessen ernst zu nehmen, der, wie Primo Levi, in Auschwitz Deutsch sprechen lernte.
Es wird Exkurse zu Theorien des Antisemitismus und des Autoritarismus geben sowie am Ende einen Versuch über die rechtspopulistische bis rechtsextremistische Sprache der Gegenwart (‚Genderwahn‘, ‚Schuldkult‘, ‚Remigration‘). Wie können wir uns – als Studierende, als akademisch Forschende, vielleicht auch als angehende Lehrerinnen und Lehrer – mit diesen sprachlichen Dynamiken befassen? Wir müssen zum Glück nicht bei null anfangen. In der Grauzone zwischen Literatur, Sprachphilosophie und Essayistik gibt es eine sprachkritische Tradition, die auch für die Gegenwart den analytischen Blick und das Gespür für Sprache schärft: die Tradition eines Schreibens aus dem Exil, trotz des Ausschlusses und aus der Perspektive des Überlebens.
Die Vorlesung findet in Präsenz statt.

- Docente: Emil Kauth
- Docente: Jenny Willner
- Docente: Ben Zechbauer