Es ist argumentiert worden, dass die von Sigmund Freud begründete Psychoanalyse eine der ersten Theoretisierungen des Patriarchats im industriellen Zeitalter am Vorabend des Faschismus darstellt. Ihr kritisches Potenzial bleibt virulent, solange autoritäre und regressiv-ideologische Strukturen fortwirken. Entsprechend gehört die Psychoanalyse zu den zentralen Referenzen kritischer Theorie: in Verbindung mit Marx für die Frankfurter Schule (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse), für feministische und queer-theoretische Ansätze (etwa Gayle Rubin, Judith Butler) sowie für lacanianisch informierte Ideologiekritik (Jacques Lacan, Slavoj Zizek, Alenka Zupancic).
Im Zentrum des Seminars steht die Frage nach dem Verhältnis von psychoanalytischer und explizit kritischer Theorie. Dieses Verhältnis wird nicht vorausgesetzt, sondern an einem paradigmatischen Text Freuds entfaltet: Totem und Tabu (1913). Freuds Mythos der Urhorde – Vatermord, Totemmahl, Inzesttabu – dient dabei als Modell zur Analyse der Entstehung von Gesetz, Autorität und affektiver Bindung an gesellschaftliche Ordnung.
Von dieser Ausgangslektüre aus verfolgen wir eine Genealogie des Gesetzes: Wie wird der mythische Vater bei Adorno zur Figur des faschistischen Führers? Wie transformiert Marcuse die Urhorde in eine Theorie zivilisatorischer Repression? Wird in der Dialektik der Aufklärung der Vatermord durch eine abstrakte Opferlogik ersetzt? Wie verschiebt Gayle Rubin das Inzesttabu in eine Theorie der Geschlechterordnung, und wie reformuliert Lacan den Vater als Signifikanten des Gesetzes? In postlacanianischen Lektüren (Zizek, Zupancic) erscheint schließlich Ideologie selbst als moderne Form totemischer Bindung.
Das Seminar versteht sich als Einführung wie als vertiefende Lektüreübung. Vorkenntnisse sind willkommen, aber keine Voraussetzung. Psychoanalyse wird dabei nicht als therapeutische Praxis, sondern als Theorie des Subjekts, der Sprache und der symbolischen Ordnung behandelt. Im Mittelpunkt steht eine Lektürepraxis "mit und gegen Freud", die Kritik als immanente Weiterarbeit begreift.
Zur Anschaffung empfohlen: Jean Laplanche / Bertrand Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse (Suhrkamp).
Zur Vorbereitung wird die Lektüre von Totem und Tabu in der Kritischen Studienausgabe empfohlen. Wir werden die drei ersten Wochen mit diesem Text verbringen. Der Lektürekurs zu Freuds "Massenpsychologie und Ich-Analyse", der im Mai im gleichen Semester beginnt, kann mit Gewinn mit diesem Seminar kombiniert werden.

- Trainer/in: Emil Kauth
- Trainer/in: Jenny Willner