Das Seminar ist dem Problemfeld Literature and Science gewidmet und berührt damit zunächst die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis der Geisteswissenschaften zu den Naturwissenschaften. Was passiert, wenn wir naturwissenschaftliche Texte einer literaturwissenschaftlichen Lektüre unterziehen? Wie kann man verschiedene Wissensformationen sowohl in ihrer Geschichtlichkeit als auch mit Blick auf rhetorische Verfahren analysieren? Einen roten Faden des Seminars bilden Fragen nach Gesundheit und Krankheit, Normalität und Pathologie/Perversion, Individuum und Gesellschaft sowie nach Körper, Geschlecht und Gender.
Als Einstieg lesen wir Donna Haraways Klassiker „Situated Knowledges. The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective“ (1988). Davon ausgehend fahren wir chronologisch und systematisch in zwei Richtungen fort: Historische Epistemologie und new materialism.
Anhand von Gaston Bachelard und Georges Canguilhem befassen wir uns zunächst mit der historischen Epistemologie französischer Tradition, also mit der Frage nach den Voraussetzungen für Erkenntnis sowie nach dem Zustandekommen von Wissen, vor allem im Bereich der Biologie und der Medizin. In Verhältnis zu der biologistischen Annahme, dass die biologische Natur eine vorausliegende, universale und geschichtslose Grundlage von Wissen und Gesellschaft bilde, vollzieht die von Bachelard und Canguilhem begründete Tradition seit den späten 1930er Jahren eine Umkehr des hierarchischen Verhältnisses von Natur- und Geisteswissenschaften: Über Medizin oder Biologie wird nun von den gesellschaftlichen Formationen her gedacht, mit Fokus auf der institutionellen, ideologischen und diskursiven Präfiguration des Gegenstands. Diese Lektüren ermöglichen ein vertieftes Verständnis auch für Theorieansätze, die kanonisch geworden sind: Die Konzepte von Bachelard und Canguilhem wurden unter anderem durch Louis Althusser vermittelt und theoretisch zugespitzt. Sie haben Michel Foucault, den wir im Seminar gemeinsam lesen werden, maßgeblich beeinflusst.
In der zweiten Hälfte des Semesters setzen wir uns mit dem jüngeren Paradigma eines new materialism auseinander. Hier stellen sich ähnliche Fragen aus einer anderen Perspektive, und zwar ausgehend von der zuweilen polemisch zugespitzten Grundannahme, dass der linguistic turn das Kind mit dem Bade ausgeschüttet habe: Die Auseinandersetzung mit der Materie und mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen sei für die kritische Theorie, den Poststrukturalismus und die Dekonstruktion zum Tabu geworden. Dagegen wird nun zuweilen sogar für die Literaturwissenschaft der Anspruch erhoben, von der Biologie her zu denken, etwa vom Wissen über Pilze, Algen und Darmbakterien her, und zwar im Sinne kritischer (oder postkritischer) Theorie. Je mehr man über das organische Leben wisse – so die Argumentation – umso eher lassen sich gesellschaftliche Normierungen destabilisieren. Zur Auswahl für diesen Teil des Seminarplans viele betont feministische Autorinnen wie Kathrin Hayles, Elisabeth Grosz, Donna Haraway und Elisabeth A. Wilson zur Auswahl. Wilson vertritt einen Feminismus der Eingeweide und des Darmbioms: Gut Feminism (2015).
Aber was genau bedeutet es, Pilzen antihegemoniale Tendenzen zuzuschreiben? Kann es einen emanzipatorischen Biologismus geben? Wie steht es um den Traum einer transparenten Sprache über das organische Leben? Uns kommt nicht zuletzt die Aufgabe zu, Rhetorik der verschiedenen theoretischen Ansätze zu analysieren.

- Викладач: Kauth Emil
- Викладач: Willner Jenny