Im spanischen siglo de oro, der kulturhistorisch bislang wohl fruchtbarsten Periode der spanischen Literatur, ist es insbesondere die Erzählliteratur, die weit über die Grenzen der iberischen Halbinsel hinaus, auch und gerade durch teils kongeniale Übersetzungen, rasante Verbreitung findet und deren ureigenste ‚Erfindungen‘ auf diesem Gebiet – man denke an die Gattung des Pikaroromans oder den Quijote als Grundlegung des modernen Erzählens – bis heute nachgeahmt und weitergeschrieben werden. Das siglo de oro ist auch deshalb so spannend, weil es einen Übergang markiert von einem weitgehend mittelalterlich geprägten zu einem frühneuzeitlichen Modell der Vorstellung von ‚Welt‘ und ‚Wirklichkeit‘. Verabschiedet wird das Modell einer in sich geschlossenen, in Gott ruhenden und durch ihn garantierten, da von ihm geschaffenen, zyklisch gedachten Welt, in der ‚Neues‘ bzw. ‚Anderes‘ als unsinnig, wenn nicht gar unvorstellbar gilt. In einem langen Prozess der Individualisierung, der Subjektivierung von Weltvorstellung und der Öffnung auf prinzipiell unabschließbar ‚neue‘ Welten hin wandelt sich das (primäre) Modell von Wirklichkeit dahin, dass ‚Realität‘ als (immer nur vorläufiges) Resultat einer Realisierung begriffen wird. Genau dies zeigt sich auch im Erzählen: nicht mehr zeigen gerade die Erzähltexte (und besonders der Roman als „welthaltigste Gattung“ überhaupt) eine Welt, wie sie immer gewesen ist, sondern sie interessieren sich für das ‚Neue‘: die Abweichung, den Exzess, die Anomalie, die Einzigartigkeit.
In der Vielfalt der Subgattungen von Ritter-, Schäfer-, Morisken-, Pikaroroman, im byzantinischen und sentimentalen Roman werden sekundäre Modelle von Wirklichkeit entworfen, die als Alternativentwürfe zu dem Primärmodell von Wirklichkeit dazu einladen, das ‚Andere‘ bzw. ‚auch Mögliche‘ in den Bereich des Vorstellbaren hineinzuholen.
Im Zentrum der Vorlesung steht natürlich Cervantes‘ Don Quijote nicht allein als komischer Roman und Parodie des Ritterromans, sondern auch als Metaroman, der in sich die novelesken Gattungen seiner Zeit einschließt. Prominent wird ebenso der Lazarillo de Tormes als erster Pikaroroman der Weltliteratur behandelt, ebenso wie die Novelle mit Cervantes‘ Novelas ejemplares. Zumindest als Gattung und mit einzelnen Textbeispielen fokussiert die Vorlesung aber auch die novela pastoril und die novela morisca.
Besonders empfohlen sei diese Lehrveranstaltung daher insbesondere für Studierende für das Lehramt, da ab Herbst 2027 Cervantes‘ Don Quijote in den Staatsexamenskanon aufgenommen wird. Beide Teile dieses Roman sollten in einer gut kommentierten Ausgabe angeschafft werden.
Zur Einführung sei ferner empfohlen:
Horst Weich: „Kastilische Erzählliteratur im Siglo de Oro“, in: Joachim Born u.a. (Hgg.): Handbuch Spanisch. Sprache, Literatur, Kultur, Geschichte in Spanien und Hispanoamerika. Berlin: Erich Schmidt 2012, 799-808.

- Викладач: Dürr Susanne