In diesem Seminar werden Konzepte der Lebensalter von der griechischen Antike bis heute anhand von ausgewählten Perspektiven religionsgeschichtlich und theologisch beleuchtet. In der Kombination aus Klassikerpositionen und Beispielen der materiellen Kultur widmen wir uns der Frage, wie der Verlauf des Lebens in der europäischen Religionsgeschichte eingeteilt wurde, welche Eigenschaften und Merkmale mit den Lebensaltern verbunden werden und welche Menschenbilder diese Zuschreibungen implizieren. Basierend auf einer kulturwissenschaftlichen Einführung, die das Alter(n) als Verknüpfung sozialkonstruierter, entwicklungspsychologisch beobachtbarer und normativ regulierter Phänomene skizziert, befassen wir uns im Seminar mit schriftlichen, visuellen und materiellen Quellen zum Konzept der Lebensalter und diskutieren davon ausgehend anthropologische und theologische Grundfragen des menschlichen Lebensverlaufs vor ihrem religions- und kirchengeschichtlichen Hintergrund.

Konstantin der Große: Kann ein römischer Kaiser aus der Sicht christlicher Kirchengeschichte wirklich als „groß“ bezeichnet werden? Wenn ja, was ist an ihm „groß“? Ist er es freiwillig oder unfreiwillig gewesen oder geworden? Bis heute ist kaum eine Figur der Antike in vergleichbarer Weise geeignet, kontroverse Diskussionen auszulösen – selbst unter Personen, die aus ganz ähnlicher Perspektive urteilen. Solche Diskussionen wird es hoffentlich auch im Seminar geben! Dass die zu lesenden Quellen zentrale Texte für die Kirchengeschichte der Spätantike insgesamt sind, braucht fast nicht eigens betont zu werden. Sehr wohl aber, dass ein besonderer Schwerpunkt auf von Konstantin selbst verfassten (veranlassten?) Texten liegen soll. Man traut es ihm vielleicht auf den ersten Blick nicht zu, aber es gibt durchaus eine „Theologie“ der konstantinischen Schriften. Es lohnt sich, das zu lesen und zu diskutieren.

Bilder stellen eine wichtige Quelle der Kirchengeschichte dar.

Allerdings galten sie lange Zeit einer primär wortorientierten Kirchen- und Allgemeinwissenschaft als zweit- oder dritt­rangige historische Zeuginnen, es war zudem ein „Mangel an einer historischen Bilderkunde“ (R. Wohlfeil) zu konstatieren. Seit Ende des 20. Jahrhunderts ändert sich deren Gewichtung und die Bedeutung der Bildwerke wird stärker hervorgehoben. Die Übung möchte an ausgewählten Beispielen (Gemälde, Porträts, Altarbilder, Wandmalerei, Fotos u.a.) aus allen kirchengeschichtlichen Epochen den Quellenwert von Bildern ermitteln und nach verlässlichen Kriterien der Analyse su­chen. Auf diese Weise soll mittels der Erschließung bildlicher Quellen ein Panorama der Kirchengeschichte entworfen werden. Nach Möglichkeit sollen die Schätze der Pina­kotheken durch Ortstermine mitberücksichtigt werden.


Kursbeschreibung:

Die etwa 145 evangelischen Studierendengemeinden (ESG) an deutschen Universitäten und wissenschaftlichen Hochschulen sind fester Bestandteil der evangelischen Kirche und bilden den liberalen Zweig evangelischer Studierendenarbeit. Das Seminar möchte die Entwicklung der Studierendengemeinden von ihren Anfängen am Ende des 19 Jahrhundert (Deutsche christliche Studentenvereinigung u.a.) bis in die Gegenwart verfolgen. Wichtige Diskurse wie der Kirchenkampf der NS-Zeit, die Befreiungstheologie Lateinamerikas oder die Politisierung des Protestantismus der 1960er Jahre fanden ein Forum in den Studierendengemeinden und haben von dort in die Kirche und Gesellschaft zurückgewirkt. Das Seminar fragt nach den großen Phasen dieser Entwicklung, nach den Akteuren und Themen sowie nach der Rückwirkung der Studierendenarbeit auf Universitäten, Kirche und Gesellschaft. Auf diese Weise bietet das Seminar einen Spiegel der Kirchlichen Zeitgeschichte des Protestantismus im 20. Jahrhundert. Dabei soll in Kooperation mit dem ESG-Pfarramt vor Ort auch die lokale Tradition der Studierendengemeinde an der LMU mit in den Blick genommen werden. Ein gleichlautendes Seminar wird in diesem SoSe 2019 auch an den Universitäten in Augsburg, Erlangen, Regensburg sowie an der kirchlichen Hochschule Neuendettelsau durchgeführt. Ein von den ESG-Pfarrämtern zum Semesterende organisierter gemeinsamer Workshop soll das bayernweite Seminarprojekt abschließen.

Literatur:

H.-G. Klatt, Art. Studentengemeinde, in: EKL4 (1996), 522–524; K. Kupisch, Studenten entdecken die Bibel. Die Geschichte der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung, Hamburg 1964.

Anmerkung:

Wöchentliche Vorbereitungszeit: etwa 1,5 Stunden

Kommentar:
Im Range eines Dogmas wird für moderne Rechtsstaaten westlicher Prägung der Grundsatz behandelt, dass sich der Staat gegenüber der Religion seiner Bürgerinnen und Bürger neutral zu verhalten habe. Ziel des Seminars ist es, die historische Genese des Neutralitätsgebotes aus dem Geist der Aufklärung und der Religionskritik zu erörtern und seine verschiedenen Durchführungsvarianten zu beleuchten. Vor diesem Hintergrund gilt es dann die Reichweite des Neutralitätsgebotes für die Verhältnisbestimmung von Staat und Kirche heute zu diskutieren.

Literatur:
  • Kurt Nowak, Geschichte des Christentums in Deutschland: Religion, Politik und Gesellschaft vom Ende der Aufklärung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, München 1995.
  • Horst Dreier, Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne, München 2018.
  • Weitere Literatur wird im Seminar bekannt gegeben.
Arbeitsaufwand:
etwa 2 Stunden in der Woche

Voraussetzungen:
Basismodul/Proseminar Systematische Theologie/Kirchengeschichte

Kommentar

Der böhmische Reformator Jan Hus (um 1370-1415) gilt nach protestantischer Wahrnehmung vielen als wichtiger Vorläufer Martin Luthers (1483-1546). Und in der Tat verband beide viel: der eine wie der andere war Prediger, Priester und akademi­scher Lehrer, beide wurden über ihren Einsatz für eine evangeliumsgemäße Kirche zu Reformatoren, in der Erinnerung daran gerieten sie in ihren Heimatländern jeweils zu „Nationalheiligen“. Aber es gibt auch Trennendes: Denn während Hus auf dem Scheiterhaufen des Konstanzer Konzils als Häretiker starb, überstand Luther Bann und Reichsacht unversehrt und avancierte zum Medienstar und vollendete sein Leben als Reformator. Das Seminar will die beiden Protagonisten einem Vergleich unterziehen (Herkunft, Bildung, Theologie u. a.) und anhand von Text- und Bildquellen prüfen, welche Wege von Hus zu Luther und damit zur Reformation in Deutschland führen. Schließlich wollen wir den Blickwinkel weiten und fragen, inwieweit Hus und Luther Teil eines zeitlich und räumlich übergreifenden Reformprozesses in Europa waren. Auf diese Weise werden im Zuge des Seminars grundlegende Kenntnisse zu Luther und Hus sowie ein weitgespannter Überblick über die deutsche und europäische Reformationsgeschichte erarbeitet.

Das Seminar mündet am Ende des Semesters in eine viertägige Exkursion nach Prag. Hier werden wichtige Schauplätze der böhmischen (mittelbar auch deutschen) Reformation und Kirchengeschichte besucht und studiert werden können. 

Literatur

Zur Vorbereitung empfohlen: Martin Wernisch, Art. Hus, Jan / Hussitismus, in: V. Leppin/G. Schneider-Ludorff (Hg.), Das Luther-Lexikon, Regensburg 2014, S. 305f.;

Bernhard Lohse, Luther und Hus, in: Ders., Evangelium in der Geschichte. Studien zu Luther und der Reformation, Göttingen 1988, 65-79

Quellen: Zu Hus: G.A, Benrath (Hg.), Wegbereiter der Reformation, Wuppertal 1988 (zuerst: Bremen 1967)

Zu Luther: V. Leppin, Reformation, Neukirchen 2005 (KTGQ III)

Bemerkung

Regelmäßige Teilnahme und Mitarbeit auch in Form eines Kurzreferats. Wöchentlich 1,5 Stunden für die Sitzungsvorbereitung.

Voraussetzungen

Proseminar


Interdisziplinäres Blockseminar.

Dozierende: Prof. Dr. Susanne Reichlin, Dr. Florian Wöller

Die an Ausmaß und Intensität verheerenden Verbrechen im nationalsozialistischen Staat forderten die beiden großen Kir­chen heraus, sich zu diesen Vorgängen zu verhalten. Das Se­minar möchte zunächst die historischen und kirchen­histo­ri­schen Rahmenbedingungen der Kirchen im NS-Staat kon­tu­rie­ren und in diesem Kontext den Blick auf das konkrete Ver­halten beider Kirchen richten. Dabei soll das komplexe kirch­liche Beziehungsgefüge zu verbrecherischen Maß­nah­men des NS-Staats, v.a. der "Zwangssterilisation" und "Eutha­na­sie", der "Zwangsarbeit" sowie der "Judenverfolgung", be­stimmt werden. Es geht dabei darum, die Ambivalenzen, Re­si­stenz­en und Verstrickungen in der Haltung der Kirchen ge­genüber den Verbrechen des NS-Staates sowie die konkreten Handlungsspielräume der Kirchen auszuloten. Dabei wird zu be­denken sein, dass die Kirchen ihrerseits im Fokus des Un­rechts­staates standen und sich selbst - zumindest in Teilen - als Zielobjekte eines nationalsozialistischen "Kirchen-„ bzw. „Kulturkampfes" erlebten. Das Seminar möchte abschließend nach den Nachwirkungen und den Aspekten der "Schuldfrage" nach 1945 fragen und die Wirkungsgeschichte der NS-Ver­bre­chen bis in die Gegenwart verfolgen.
Thomas Müntzer (1489-1525) gehört zu den facettenreichsten und zugleich wirkmächtigsten Gestalten der Reformationsgeschichte. Inspiriert vom jungen Martin Luther wendet er sich als Priester der frühen Reformation zu, um dann sukzessive einen von apokalyptischen, spiritualistischen und mystischen Gehalten geprägten eigenen theologischen Weg zu gehen, der ihn schon bald in eine Opposition zu Luther bringt. Müntzer steht auf diese Weise für jenen Teil der reformatorischen Bewegung, die von der Forschung als „radikale Reformation" gekennzeichnet wird, am Ende wird er als sozialrevolutionärer Protagonist des Bauernkriegs von der Obrigkeit hingerichtet. Das Seminar möchte unter Berücksichtigung von theologie- und sozialgeschichtlichen Zusammenhängen diese Entwicklung Müntzers nachzeichnen. Dabei werden das Verhältnis zu Luther und zum Wittenberger Reformationsmodell sowie Müntzers Rolle im Kontext des sich radikalisierenden Flügels der Reformation im Blickpunkt stehen. Zu diesem Zweck werden die kirchenhistorischen Koordinaten der Reformation Luthers und die davon abweichenden theologischen und sozialen Vorstellungen der radikalen Reformation kontrastiv gegenübergestellt. Im weiteren Verlauf des Seminars werden Fragen der bewegten Rezeptionsgeschichte Müntzers bis in die jüngere Vergangenheit hinein zu erörtern sein: Die Erinnerung an die Reformation, wie sie in der Zeit der deutschen Doppelstaatlichkeit (1948-1990) entwickelt wurde, wird paradigmatisch im erinnerungskulturellen Umgang mit Thomas Müntzer in der DDR und der BRD untersucht werden.
Die Passion Christi ist ein zentraler Bezugspunkt der spätmittelalterlichen Frömmigkeit und als solcher ein Reflex auf die scholastischen Entwürfe zur Christologie. Der von so­zialen Krisen, gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüchen gekennzeichnete Zeitraum zwischen 1350 und 1500 löste bei den Zeitgenossen vielfach Irritationen und eine verstärkte Rückbesinnung auf die eigene lebensgeschichtliche Fundierung in der christlichen Religion aus. Die Folge war eine gesteigerte Heilssehnsucht und eine daraus folgende intensivierte Frömmigkeitspraxis. Der Leidensweg Jesu Christi, d. h. sein Leiden und Sterben inklusive der Kreuzigung, konnte dem krisenerprobten Menschen eine Projektionsfläche für die eigene Leid­er­fahrung bieten. Das Seminar möchte die auf die Passion Christi bezogene Fröm­mig­keitspraxis des Spätmittelalters untersuchen. Zu diesem Zweck wird auf das breite Spektrum von Quellen zurückgegriffen, die das Motiv in der Kunst (Altarbilder, Druckgraphik, Schnitzkunst etc.), Literatur (Passionsspiele, Lieder, Gebete etc.) gefunden hat. Von den dabei angestellten Beobachtungen sollen Rückschlüsse auf das theologische Denken der Spätscholastik in bezug auf die Christologie angestellt werden. Das Seminar möchte auf diese Weise ein zentrales Element mittelalterlicher Theologie, Frömmigkeit und Kultur rekonstruieren und gleichzeitig einen Verstehenshintergrund für die nachfolgende Reformation bereit stellen.
Der Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts war auf evan­ge­li­scher Seite die nachhaltigste Reformbewegung seit der Re­for­ma­tion. In der lutherischen Kirche und Theologie kam es zu tiefgreifenden Um­­strukturierungen, die weit ins gesell­schaft­liche Milieu einen Re­flex fanden. Das Seminar möchte das kirchen- und allge­mein­geschichtliche Bedingungsfeld des Pietismus bestimmen, und dann wichtige Vertreter eines lutherisch geprägten Pie­tis­mus (v. a. Philipp Jakob Spener, August Herrmann Francke, Graf Ni­kolaus von Zinzendorf) sowie entsprechende lokale pie­tistische Aus­prägungen (Württembergischer Pietismus) un­ter­suchen. Dabei wird auch das Verhältnis des Pietismus zur Auf­klärung Beachtung finden. Zum Abschluss sollen die Wir­kungen des Pietismus bis in die Gegenwart hinein in den Blick rücken.
In der historischen Entwicklung im Deutschland des 20. Jahrhunderts wurden Umwälzungen mit qualitativer Änderung der bestehenden Verhältnisse zeitgenössisch als Revolutionen wahrgenommen: Von der „Novemberrevolution’ 1918 über die „Braune Revolution’ von 1933 und die „Studentenrevolution’ von 1968 bis zur „friedlichen Revolution’ 1989. Dabei gilt, dass diese historischen Makroereignisse immer auch als kirchenhistorische Zäsuren gedeutet und theologisch intensiv reflektiert wurden. Daher firmieren ideologische Programme aus diesem Kontext auch nicht selten unter besagtem Titel („antihistorische Revolution’, „konservative Revolution’). Das Seminar wendet sich diesen theologischen Revolutions-Debatten und ihren jeweiligen historischen Kontexten zu. Deren Analyse und komparatistische Zusammenschau kann strukturelle Parallelen, aber auch sich wandelnde sozialethische Einstellungsmuster aufzeigen. Letztlich werden sich die revolutionären Verdichtungen möglicherweise als Fixpunkte eines mentalitätsgeschichtlichen Wandels im deutschen Protestantismus des 20. Jahrhunderts lesen und verstehen lassen.

Das Verhältnis von Kirchen und Nationalsozialismus war äußerst komplex und hat vielfältige Formen ausgebildet. Dem christlich motivierten Widerstehen kommt in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung zu. In der jüngeren Forschung ist man von einer allzu einseitigen Einteilung in einen resistenten Teil von Kirche und Christenheit gegenüber dem Nationalsozialismus einerseits und einen angepassten Teil andererseits abgerückt zugunsten einer differenzierten, abgestuften Beschreibung des christlichen Widerstands (von Nichtmitmachen über Kritik bis zu subversivem Widerstand).

Das Seminar möchte diesen Impuls aufnehmen und auf der Basis einer grundsätzlichen Verhältnisbestimmung von Kirchen und Nationalsozialismus die verschiedenen Ausprägungen von resistentem Verhalten in den Kirchen ins Blickfeld nehmen. Dabei soll die Amtskirche ebenso Berücksichtigung finden wie das couragierte Verhalten einzelner Christen, von Amtsträgern bis hin zu engagierten Laien. Daran anschließend wird der Frage nachzugehen sein, welche konkreten Anknüpfungspunkte der christliche Glaube für ein widerständiges Verhalten möglich machte. Das Seminar möchte dem Umstand, dass resistentes christliches Verhalten nicht die gewöhnliche kirchliche Einstellungsdisposition gegenüber dem Nationalsozialismus war, Rechnung tragen, indem auch das gewöhnlich nichtwiderständige Verhalten stets Beachtung geschenkt wird. Die Erörterung christlich-ethischer Begründungen für Widerständiges Verhalten ist hinein bis in gegenwärtige Fragestellungen von großer Bedeutung. Das Seminar bietet die Möglichkeit, im Hinblick auf den christlichen Widerstand beide Großkirchen in komparatistischer Weise zu untersuchen. Dabei können gemeinsame Strukturmerkmale kirchlicher Resistenz ebenso wie konfessionelle Spezifika unsere Aufmerksamkeit finden.

Der Protestantismus gewinnt durch die im 19. Jahrhundert entstehende evangelische Kirche in Bayern auch in München schnell an Bedeutung. Das Seminar richtet seine Aufmerksamkeit auf einzelne Persönlichkeiten des Protestantismus in München, die im 20. Jahrhundert Kirche, Theologie, Kultur und die Gesellschaft in der Landeshauptstadt und darüber hinaus prägten. Dabei ist es insbesondere der Stadtteil Maxvorstadt mit seinen kulturtragenden Einrichtungen, der immer wieder durch die Gestaltungskraft einzelner Protestanten/innen geprägt wird. Dazu zählen beispielsweise Landesbischof Hans Meiser (Landeskirchenamt), die Widerständler der „Weißen Rose“ Sophie und Hans Scholl (Universität), der dialektische Theologe Georg Merz (Markuskirche), daneben die Literaten Thomas Mann und Joachim Ringelnatz (Literaturzirkel); in nachdrücklicher Weise sind hier nur vorrübergehend wirkende Protestanten wie Dietrich Bonhoeffer oder der Hitler-Attentäter Georg Elser tätig. Das Seminar ist in Gestalt eines Forschungsseminars an einer erstmaligen breiten Erfassung der maßgeglichen Protestanten des 20. Jahrhunderts in München-Maxvorstadt interessiert. Auf der Grundlage dieses Ergebnisses wird eine Einschätzung des protestantischen Einflusses auf das kirchliche und kulturelle Milieu im Stadtteil Maxvorstadt und in München angestrebt. Das Seminar bietet viel Raum für kreatives Arbeiten in Gruppen oder als Einzelinitiative, möglicherweise unter Einbeziehung von Lokalitäten im Stadtteil. Insgesamt vermittelt das Seminar auf diese Weise eine grundlegenden Überblick über die moderne Geschichte des Protestantismus in München, Bayern und darüber hinaus.

Die Veranstaltung in LSF

Die Entstehung moderner Produktionstechniken im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts bedingt ein Wirtschaftssystem, das bald in weiten Teilen der Welt in Industriestaaten kapitalistisch organisiert auf ein maximales Konsumverhalten der Verbraucher rekurrierte. Korrespondierend mit politischen oder sozialethischen Zeitströmungen artikulieren sich in christlich geprägten Milieus des 20. Jahrhunderts mit unterschiedlichen Motiven (soziale Gerechtigkeit, schöpfungsbewahrende Ökologie, gerechte Weltwirtschaftsordnung u.a.) kritische Stimmen gegenüber einem maßlosen Konsumverhalten, das die als hemmungslos gebrandmarkte Ausbeutung von Natur, Umwelt und Menschen in Kauf nehme. Das Seminar will in historischer Perspektive Genese und Charakteristik des modernen Konsums untersuchen. Daran anschließend werden wichtige Stimmen einer christlich motivierten Konsumkritik und deren zeitdiagnostischer Bedingungsrahmen (Club of Rome, Grenzen des Wachstums; E. Fromm, Haben oder Sein, u.a.)  untersucht. Die daraus entwickelten lebensgestalterischen Alternativmodelle mit einem zumindest kontrollierten Konsumverhalten werden Beachtung finden („Alternativer Lebensstil“ u.a.). Unter Berücksichtigung kirchen-, theologie- und sozialgeschichtlicher Zusammenhänge wird schließlich über mögliche Grundzüge eines belastbaren christlichen Konsumethos nachgedacht.

Veranstaltung in LSF

Luthers Unterscheidung zweier Reiche oder Regimente, mittels derer er den Dualismus von Reich Gottes und Welt, Evangelium und Gesetz, Kirche und ‚Staat’ in situationsbezo-genen Schriften beschrieb, wird seit den 1920er Jahren in systematisierender Absicht in der Kurzformel der „Zwei-Reiche-Lehre“ erfasst. Sie darf als ein zentraler Begriff der politischen Ethik des Protestantismus gelten. Das Seminar möchte zunächst anhand der zwei einschlägigen Luther-schriften (‚Obrigkeitsschrift’, 1522; Ob Kriegsleute in seligem Stande …, 1526) die historische Entstehung der Zwei-Reiche-Lehre im Zeitalter der Reformation rekonstruieren. Im Anschluss soll nach der Wirkungsgeschichte der Zwei-Reiche-Lehre im politischen Zusammenhang des 20. Jahrhunderts mit der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland gefragt werden. Zu diesem Zweck werden maßgebliche Deutungen, die Luthers Lehre in der protestantischen Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts erfuhr (F. Gogarten, P. Althaus, U. Duchrow u. a.), ebenso berücksichtigt wie kritische Stimmen (u. a. K. Barth). Auch die Rezeption von Luthers Lehre im Rahmen des Theaters (Dieter Forte) wird Berücksichtigung finden. Auf diese Weise möchte das Seminar im Kontext der beiden beteiligten Disziplinen die Historizität des lutherischen Lehrgehalts und dessen theologische Rezeption im Zusammenhang erarbeiten.

Die Kirchen und das Christentum waren Betroffene vom Zweiten Weltkrieg, indirekt auch dessen Akteure. Sie haben sich in sehr unterschiedlicher Weise in das Kriegsgeschehen eingegeben und sind daraus sowohl in nationalen wie in transnationalen Bezügen strukturell und inhaltlich verändert hervorgegangen. Das Seminar möchte zunächst das weltumspannende Ausgreifen des Weltkriegs nachzeichnen und die Rückwirkungen auf das Christentum in den Blick nehmen. Okkupationen, Zerstörungen, Mangelwirtschaft, Verfolgungen, Staatsverbrechen, Migrationsbewegungen u.a. machten ein leidvolles Ertragen für die Christen und die Kirchen notwendig, gleichzeitig kam es zu theologischen Deutungen des Kriegsgeschehens. Das Seminar möchte dabei auf verschiedene systematische Fragehorizonte eingehen: Christliche Kirchen und Krieg in Europa? Christen in der Kriegsgesellschaft? Theologie und Krieg? Kirche und Schuld? Christlich motivierter Widerstand? Am Ende des Seminars soll anhand des aktuellen 75jährigen Gedenkens an den Beginn des Zweiten Weltkriegs überprüft werden, wie sich die Kirchen in der Welt an den Weltkrieg erinnern.

Die „langen 1960er-Jahre“ sind das Laboratorium für die Entwicklung einer eigenen bundesrepublikanischen Kultur. Nach dem weitgehend abgeschlossenen Wiederaufbau kommt es gerade in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre zu einem tiefgreifenden Umbau des gesellschaftlichen und kulturellen Selbstverständnisses, der Kirche, Theologie und Politik gleichermaßen erfasst. Kirchenaustritte, der Tod von Paul Tillich, Paul Althaus und Karl Barths und damit der Generation der Protagonisten des theologischen Neuaufbruchs nach 1919, des Kirchenkampfs und auch der Nachkriegszeit sowie die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt sollen hier nur als Stichworte genannt werden.

Im Seminar wollen wir uns dieses Laboratorium genauer aufschlüsseln, indem wir die parallelen Entwicklungen in einem Jahr, 1967, aus kirchengeschichtlicher und systematisch-theologischer Perspektive genauer ins Auge fassen. Welche kirchenpolitischen Entwicklungen gab es in jenem Jahr? Welche theologischen Aufsätze oder Monographien bestimmten die Diskussion? Welche kulturellen Ereignisse und welche politischen Konfigurationen kennzeichneten das Jahr der Gründung der Münchner Evangelisch-Theologischen Fakultät? Das Seminar betritt aber nicht nur in dieser Methodik Neuland, sondern auch in seinem Ziel: Eine Sicherung der Seminarergebnisse auf großflächigen Plakaten, die wir anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Fakultät 2017 vorbereiten möchten.

Das auf uns zukommende Reformationsgedenken 2017 ist ein Ereignis, das in seinen vielfältigen Formen schon heute weit über die evangelischen Kirchen in Deutschland hinaus Aufmerksamkeit findet. Auch an die katholische Kirche stellen sich diesbezüglich Fragen, die Ökumene insgesamt scheint herausgefordert.

Vor diesem Hintergrund will das interfakultäre Seminar aus kirchenhistorischer Perspektive zwei herausragende Persönlichkeiten des 16. Jh. in den Blick nehmen: Martin Luther, der die Reformation angestoßen hat und zu einer ihrer Zentralfiguren geworden ist, und seinen wichtigsten Opponenten in Deutschland, Johannes Eck. Beide waren Theologen und Universitätsprofessoren, Luther in Wittenberg, Eck in Ingolstadt, beide fanden in ihren theologischen und kirchenpolitischen Anliegen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen Zustimmung und Ablehnung. Beiden konnten im Umgang miteinander einen polemischen Stil aktivieren, gleichwohl war beiden eine hohe Authentizität zu eigen.

Das Seminar greift die Herausforderung auf, die beiden Antipoden Luther und Eck in vergleichender Perspektive einer Untersuchung zu unterziehen. Behandelt werden sollen unter anderem: Herkunft, Ausbildung und universitäres und kirchliches Wirken, politische Vernetzung, der Zusammenprall der beiden in der Leipziger Disputation von 1519, die zentralen Fragen nach Heil und Kirche, die Polemik, die beide in den Dienst ihrer Sache stellten. Von den beiden großen Gegenspielern ausgehend wird das Ereignis der Reformation für die evangelische und katholische Seite fokussiert, am Ende wird ein Blick auf das ganze konfessionelle Zeitalter geworfen. Das bikonfessionell angelegte Seminar führt nicht nur die Leiter des Seminars, sondern auch evangelische und katholische Studierende zur Zusammenarbeit. Eine Exkursion zu einer Luther- und einer Eck-Stätte in Bayern ist ein integraler Bestandteil des Seminars. 

Die Reformation war in wesentlichen Teilen auch das Produkt einer erfolgreichen medialen Vermarktung. Ohne den Buchdruck, ohne vor allem die Flugschriften hätte die Reformation ihre Breitenwirkung kaum entfalten können. Die enge Verbindung zwischen Protestantismus und Medialität bleibt auch in der Folgezeit bestehen und verdient es, genauer in den Blick genommen zu werden. Besondere Verdichtungspunkte sind nach der Reformationszeit selbst die Aufklärungszeit  (entstehende moderne Zeitung) sowie, natürlich, das 20. Jahrhundert mit der NS-Zeit („Gleichschaltung“ der Medien)  und das sich anschließende demokratische Staatswesen der Bundesrepublik, das  im Protestantismus mit dem Vorsatz der Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung die Bereitschaft stärkte, neue Medien (v.a. Akademien, Kirchentage, Kirchenzeitungen, Denkschriften, Taschenbücher) entsprechend zu funktionalisieren. Mit der Entwicklung der elektronischen Medien entstanden schließlich ganz neue Fragestellungen und Herausforderungen, die sich durch die digitalen Medien verstärkt bis in die Gegenwart fortsetzen.

Komplementär zu dieser Ausrichtung auf die Medien hat es allerdings immer auch Kritik an einer solchen Indienstnahme gegeben.

Im Seminar möchten wir unter kirchenhistorischen und systematisch-theologischen Gesichtspunkten nach der Art der Nutzung der Medien und der Stellung des Protestantismus zu ihnen fragen. Zudem interessiert uns die Frage, wie sich die Veränderungen der Medien auf den Protestantismus selbst auswirken.