Das Seminar beschäftigt sich mit Theorie und Praxis des Abenteuers in der russischen Literatur. Schwerpunkte liegen im pikaresken Roman des 18. Jahrhunderts, in der Rezeption des westlichen Abenteuerromans im 19. Jahrhunderts, z.B. bei Dostoevskij, und vor allem in der frühsowjetischen Literatur und Literaturtheorie (Formalismus, Bachtin u.a.) der 1920er und 1930er Jahre. In dieser theoretischen und literarischen Produktion bedeutet das Abenteuer nicht so sehr ein rein auf Spannung hin ausgerichtetes Erzählen, sondern ein Erzählen, das seine eigene Gemachtheit, die Systembedingtheit von Erzählstrukturen geradezu ausstellt. Die Abenteuerliteratur offenbart elementare Bausteine des Erzählens überhaupt, was eine Art theoretische und praktische ‚Grundlagenforschung‘ über dessen Bedingungen und Möglichkeiten entstehen lässt.

Die Vorlesung will die Wechselbeziehungen zwischen Literatur und biosozialen Theorien im Russland des späten 19. Jahrhunderts untersuchen. Im Zentrum stehen die Transformationen des Degenerationsdiskurses zwischen naturalistischer Poetik und psychiatrischen Fallgeschichten, Kriminalliteratur und Kriminalanthropologie, literarischem Darwinismus und Eugenik. In dieser Perspektive offenbaren sich ungeahnte Verbindungen zwischen Wissenschaft und klassischen sowie vergessenen Autoren der russischen Literatur, von Fedor Dostevskij und Dmitrij Mamin-Sibirjak über Lev Tolstoj und Vladimir Giljarovskij bis Anton Cechov und Aleksej Svirskij.

Ausgehend von den historischen Begebenheiten der Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg untersucht das Seminar medial unterschiedliche Erzählmodelle der Blockade mit dem Ziel, eine medien-, gattungs- und epochenübergreifende Erzählgrammatik der Leningrader Belagerung heraus zu präparieren. Im Zentrum des Seminars stehen u.a. folgende Fragen: Mithilfe welcher diskursiven Strategien entstehen neue Erklärungs- und Wahrnehmungsmuster für die veränderte Stadtwirklichkeit? Lassen sich in den verschiedenen Medien strukturelle Konstanten feststellen, beispielsweise auf den Ebenen der Raum- und Zeitmodellierung, der narrativen Kohärenz oder auch hinsichtlich der Ereignishaftigkeit? Mit welchen Modellen medialer Authentisierung arbeiten die untersuchten Werke, d.h. in welchem Verhältnis stehen das Mimetische und das Antimimetische, das Faktographische und das Fiktionale zueinander?