Durch den seit Mitte des 20. Jahrhunderts immer mehr wachsenden Einfluss digitaler Informationstechnologien auf Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft sehen sich Historiker in ihrer Arbeit zunehmend mit dem überragenden Einfluss des Computers auf alle Bereiche des politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens konfrontiert. Die Übung gibt einen Überblick über die schon im 19. Jahrhundert einsetzende Entwicklung der „Information Society“ und den Einfluss der Computertechnologie auf diese Entwicklung.
Prüfungsform im BA und LA: KL
- Lehrperson: Ulf Hashagen
Ausgehend vom Stichwort ‚Perspektivenwechsel‘ befasst sich die Übung mit der Praxis von Geschichtsschreibung. Zum einen geht es um den Perspektivwechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit: Das Handeln historischer Akteur*innen zu untersuchen und zu erklären, verlangt, sich nach Möglichkeit der Quellenlage mit deren Sichtweisen, Kenntnissen, Lebensumständen und Erfahrungshorizont vertraut zu machen. Gelingt oder wie gelingt der Wechsel in die Sichtweise der Akteur*innen, die ich erforsche? Zum anderen erkundet der Kurs die Wahl von analytischen Perspektiven: Für jede historische Studie fallen Entscheidungen über Themenzuschnitt, methodische Zugriffe und theoretische Konzepte. Wie wirkt sich Perspektivenwechsel auf die Identifikation und Darstellung von Zusammenhängen aus?
Die menschliche Auseinandersetzung mit Natur und die Geschichtsschreibung darüber liefern die Beispiele für diese Übung zum Perspektivenwechsel. In Vorlesungsanteilen werden die Beispiele vorgestellt und in der gemeinsamen Diskussion von Quellen und Literatur genauer kennengelernt. Ziel des Kurses ist es, Anregung zur Reflexion des eigenen Verständnisses von Geschichtsschreibung zu bieten.
Prüfungsform im BA und LA: KL
- Lehrperson: Julia Böttcher
Städte gelten bis heute als laut, dreckig, überfüllt, teuer und gesundheitlich belastend. Viele dieser Zuschreibungen sind jedoch keine Erfindungen der Gegenwart, sondern entstanden bereits im 19. Jahrhundert als europäische und nordamerikanische Städte rasant wuchsen. Mit der Urbanisierung verdichteten sich nicht nur Wohnräume, sondern auch Probleme: Abwasser gelangte oft ungeklärt in Flüssen, Gestank wurde als Gefahr wahrgenommen, Trinkwasser konnte tödliche Krankheiten übertragen, industrielle Geräusche galten als unzumutbar, und dichte Bebauung wurde mit Krankheit und sozialem Verfall in Verbindung gebracht.
Der Basiskurs geht diesen alltäglichen Erfahrungen historisch nach. Anhand konkreter Fallstudien – etwa der Cholera in Hamburg, der Pariser Gestankskrisen, der Messung von Lärm in Dezibel, der Planung „gesunder“ Städte oder der wissenschaftlichen Analyse von Wasser und Boden – wird gezeigt, wie Städte zu zentralen Handlungsfeldern wissenschaftlicher Erkenntnis, technischer Neuerungen und politischer Ordnungsvorstellungen wurden.
Der Basiskurs verbindet Perspektiven der Stadt-, Wissenschafts-, Medizin-, Umwelt- und Technikgeschichte, um zentrale Begriffe und Konzepte zu bestimmen, historische Fallstudien vergleichend zu diskutieren und ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie eng Stadtentwicklung und Wissenschaft miteinander verflochten sind. Wie wurde wissenschaftliche Erkenntnis im städtischen Raum generiert, debattiert und implementiert? Wie funktionierte städtisches Leben und Erleben? Welche ganz konkreten Probleme ergaben sich aus dem Leben in der Stadt und welchen Beitrag spielte Wissenschaft bei ihrer Lösung? Kurz: Wie viel Wissenschaft steckt in der Stadt und wieviel Stadt in der Wissenschaft?
Es werden keine Kenntnisse der Wissenschaftsgeschichte (oder gar der Naturwissenschaften) vorausgesetzt, wohl aber die Bereitschaft, englische Texte zu lesen und zu diskutieren.
Prüfungsformen im BA und LA (PO 20/21): RE + HA
Prüfungsform im Didaktikfach - Mittelschule und Sonderpädagogik: RE + HA
- Lehrperson: Cora Stuhrmann
Warum vermied Darwin den Begriff Evolution für seine Theorie und wieso heißt sie heute doch so? Wie viel von Darwins ursprünglichem Gedankengut steckte eigentlich 1959 noch in der Evolutionstheorie als diese hundert Jahre nach „On the Origin of Species“ weltweit gefeiert wurde? Und warum kamen seit den 1970er Jahren einige Evolutionstheoretiker zu dem Schluss, dass diese Theorie grundlegend überarbeitet werden sollte? Gemeinsam eröffnen diese Fragen den Blick auf Evolutionstheorie nicht als abgeschlossene wissenschaftliche Errungenschaft einer einzelnen Person, sondern als historisch wandelbares Projekt, das von einer Vielzahl von Akteur_innen immer wieder neu interpretiert, vereinheitlicht oder verkompliziert wurde.
Im Kurs wird nachvollzogen, wie Darwins vorsichtig formulierte Argumente im 19. Jahrhundert gelesen wurden, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Synthetischen Evolutionstheorie neu geordnet und vereinheitlicht wurden und weshalb genau diese Vereinheitlichung später in die Kritik geriet. Anhand wissenschaftlicher Debatten und öffentlicher Inszenierungen – etwa rund um das Darwin-Jahr 1959 oder die Kontroversen seit den 1970er Jahren – wird sichtbar, wie sich Inhalte, Begriffe und Deutungsansprüche der Evolutionstheorie verschoben haben. Evolution erscheint so weniger als stabile Erklärung der Natur, sondern als Theorie im Umbau, deren Geschichte eng mit wechselnden wissenschaftlichen Methoden, politischen Kontexten, disziplinären Zugriffen und Vorstellungen von Ordnung, Zufall und Fortschritt verbunden ist.
Die Übung richtet sich an Studierende ohne naturwissenschaftliche Vorkenntnisse. Wir erarbeiten im Kurs gemeinsam ein grundlegendes Verständnis der Evolutionstheorie. Voraussetzung dafür ist allerdings die Fähigkeit und Bereitschaft, auch längere und komplexe englischsprachige Quellen und Literatur zu lesen und zu diskutieren.
Prüfungsformen im BA und mod. LA: ES
- Lehrperson: Cora Stuhrmann
Im Oberseminar/Masterkurs werden laufende Forschungsarbeiten zur Wissenschaftsgeschichte vorgestellt und diskutiert. Das Programm wird vor Semesterbeginn per Aushang sowie auf der Homepage des Lehrstuhls bekannt gegeben.
Arbeitsform: Oberseminar / Masterkurs
- Lehrperson: Kärin Nickelsen
Ursprungsgeschichten der Menschheit haben Konjunktur. Die Bücher von Yuval Harari, David Graeber und anderen stehen auf Bestsellerlisten, Einsichten der Archäogenetik prägen die Schlagzeilen, und DNA-Tests zur Bestimmung der eigenen geographischen und ethnischen Herkunftsgeschichte sind beliebter denn je. Dabei mögen die Methoden neu sein, das Phänomen ist es jedoch nicht: die disziplinenübergreifende Suche nach Ursprüngen hat eine lange Tradition.
Im Kurs nähern wir uns dieser Geschichte an ausgewählten Beispielen mit Fokus auf Europa. Ausgehend von dem aktuellen Diskurs in Geschichte, Genetik und anderen Feldern richten wir den Blick auf die (ebenfalls methodisch breitgefächerten) Versuche des 18.-20. Jahrhunderts, die Ur- und Frühgeschichte des Menschen zu erkunden. Neben der Geschichtswissenschaft beteiligten sich u.a. die Archäologie, Anthropologie, Geographie, Linguistik, Botanik sowie verschiedene Philologien, mit je eigener Evidenz und Argumentation. Stets aber waren die Ansätze eng verknüpft mit Vorstellungen von Kultur, Zivilisation und Entwicklung sowie Nomadentum und Sesshaftigkeit. Wir werden zudem untersuchen, wie verschiedene Disziplinen sich in ihrer Arbeit an der Menschheitsgeschichte beobachteten, ergänzten, kritisierten und inspirierten, und wie politische und kulturelle Entwicklungen die Entwürfe prägten. Abschließend kehren wir zu den aktuellen Ansätzen zurück und prüfen die Nachwirkung bestimmter Narrative bis in die Gegenwart.
Prüfungsformen im Master und GSP: RE+HA
- Lehrperson: Kärin Nickelsen
Seit der Gründung ihrer Arbeitsstelle in München 1943/44 erstellt die Neue Deutsche Biographie (NDB) Biographien wichtiger Persönlichkeiten. Inzwischen erscheinen die Einträge in digitaler Form, und viele Studierende der Geschichte nutzen sie regelmäßig als Nachschlagewerk. Über die Geschichte dieser Institution hingegen ist nur wenig bekannt. Dabei stellen sich mit Blick auf die ersten Jahre brisante Fragen: Wie verhielt man sich zu den jüngst verstorbenen „Großen Männern“ und ihrer politisch belasteten Biographie? Wer wurde als Autor/in für Biographien angefragt und wer nicht? Wer in der Redaktion entschied wie über die Aufnahme von Personen und ihre Zugehörigkeit zum „deutschsprachigen Kulturraum“? Und was lernen wir aus all dem über die Erinnerungskultur der noch jungen Bundesrepublik? Um solche Fragen geht es in dieser forschungsorientierten Übung. Literatur zum Thema ist kaum vorhanden, im Zentrum steht daher die Arbeit mit Dokumenten aus dem noch wenig erschlossenen Archiv der NDB. Die Übung versteht sich insofern auch als praktische Einführung in die Auswertung ungedruckter Archivalien.
Prüfungsformen im Master und GSP, B.A. und LA: ES
- Lehrperson: Kärin Nickelsen