Spätestens seit der Kultur- und Kunstwissenschaftler Aby Warburg der Idee von Johann Joachim Winckelmann – die griechische Antike als Ausdruck „edler Einfalt und stiller Größe“ zu verstehen – eine „bewegte“, lebendige Antikenrezeption des 15. Jahrhunderts zur Seite stellte, war klar, dass es nicht die ‚eine‘ Antike gibt, sondern zahlreiche wandelbare Vorstellungen von ihr. Trotz vielfacher Versuche, damit auch die Dominanz und Macht des idealen, griechisch-römischen Antikenbildes zu differenzieren, blieb dieses bis heute auch im Fach Kunstgeschichte weiter sehr populär. In diesem Sinne wollen wir im Seminar fragen, welche Antike von wem in welchem Medium im 18. und 19. Jahrhundert imaginiert wurde und welche gesellschaftlichen Ideen und Fragen daran geknüpft waren. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf Theoriebildung, d.h. auf der Entstehung dominanter Narrative und Ästhetiken.

Ein zentrales Ziel des Seminars ist die Vermittlung neuer Methoden einer (interdisziplinären) Rezeptionsforschung, die sich von der Idee des immer gleichen antiken Originals verabschiedet und sich stattdessen den reichen und komplexen Rezeptionsvorgängen im Sinne einer Pluralisierung nicht nur von Antike, sondern auch von Moderne zugewandt hat. Vor diesem Hintergrund wollen wir an ausgewählten Beispielen künstlerische Antikenrezeption diskutieren und dabei nicht nur, aber vor allem bekannte Werke in den Blick nehmen: Wenn ein antikes Kunstwerk vielfach rezipiert wurde, wie etwa der Laokoon oder der Apoll Belvedere, zeigen sich vielfältige Antikenbilder umso deutlicher.


In den USA ist das lange 19. Jahrhundert vorwiegend geprägt von der Suche und Bestimmung nationaler Identität. Die Formulierung einer bestimmten ‚Americanness‘ geschieht in expliziter Abgrenzung zur sogenannten ‚Alten Welt‘ gerade auch als ästhetische Auseinandersetzung mit der ‚eigenen‘ Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Das Seminar diskutiert anhand ausgewählter Beispiele aus der US-amerikanischen Kunstgeschichte die Sehnsucht nach einer dezidiert ‚amerikanischen‘ Bildhauerschule und nach ‚wahrhaft‘ amerikanischen Sujets. Dieser politisierte Prozess der Ästhetisierung von Ursprung und Zukunft wird in großen Teilen von ‚weißen‘ Bildhauern in transatlantischer Perspektive vorangetrieben und ist von zahlreichen Ausschlussmechanismen begleitet. Im Seminar wollen wir zum einen fragen, wie eine spezifisch US-amerikanische Idee ‚weißer‘ Vorherrschaft im Medium der Skulptur (re)produziert wurde und welche Rolle dabei das, so wird zu zeigen sein, teilweise paradoxe Verhältnis zur ‚Alten Welt‘ und zur europäischen Kunst spielte. In gleicher Weise ist das Seminar an der Frage interessiert, welche Zeitregime und Asymmetrien in der bildhauerischen Darstellung von marginalisierten Bevölkerungsgruppen im Kontext von Praktiken der Kolonisierung und Versklavung zum Ausdruck kommen und welche damit einhergehenden, romantisch verklärten Narrative aktiviert werden? Nicht zuletzt geht es um eine Annäherung an die Rolle des Materials (etwa Bronze, Ton, Marmor oder Gips) für die Konstruktion und Ästhetisierung von ‚race‘.

Anlässlich des dreihundertsten Todestages von Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern (1662–1726), genannt „Max Emanuel“, wirft das Seminar einen neuen Blick auf dessen Bau- und Kunstaufträge im internationalen Vergleich. Wie positionierte sich Max Emanuel mit seinen Schlossbauten, etwa in Schleißheim, zwischen dem Hof des französischen Königs in Versailles und dem Hof des Kaisers in Wien? Wie ließ er sich selbst – und seine Ehefrauen Maria Antonia von Österreich (1669–1692) und Therese Kunigunde von Polen (1676–1730) – bildlich darstellen? Welchen politischen Anspruch formulierte er in den Kunstaufträgen des bayerischen Hofes?

Diese und weitere Fragen verfolgt das Seminar exemplarisch an ausgewählten Objekten; der Schwerpunkt wird auf Ortsterminen liegen, u. a. in Schloss Schleißheim und Schloss Nymphenburg. Darüber hinaus findet eine Exkursion zur Ausstellung „Making Max Emanuel. Wie wird man zur Legende?“ im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt statt.


Das Seminar führt in zentrale Fragestellungen einer ökologisch und ökonomisch sensibilisierten Kunstgeschichte der Frühen Neuzeit ein. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kunstwerke in materielle, soziale und natürliche Zusammenhänge eingebunden waren: in die Verfügbarkeit und Wertigkeit von Rohstoffen, in Handels- und Austauschprozesse, in Werkstattpraxis, Auftrag und Konsum. Zugleich richtet sich der Blick auf ökosensible Lesarten frühneuzeitlicher Ikonografien, etwa auf Darstellungen von Landschaft, Pflanzen, Tiere, Jahreszeiten, Fruchtbarkeit, Knappheit oder Naturbeherrschung. An ausgewählten Beispielen aus Malerei, Skulptur, Druckgrafik und Kunstgewerbe erarbeitet das Seminar damit sowohl grundlegende methodische Zugänge als auch ein erstes Verständnis dafür, wie sich ästhetische Formen mit Umwelt- und Wirtschaftsordnungen verschränken. 

Erwartet werden die Bereitschaft zur Lektüre deutsch- und englischsprachiger, mitunter auch längerer Texte sowie die regelmäßige und aktive Teilnahme. 


Denkmäler und Mahnmale sollen erinnern, Sinn stiften und Geschichte sichtbar machen – doch sie sind selten unumstritten. Als Zeichen kollektiver Erinnerung stehen sie immer auch im Spannungsfeld politischer, gesellschaftlicher und kultureller Interessen. Gerade in München zeigen aktuelle Debatten, wie lebendig und konfliktreich Erinnerungskultur ist: Ob die Diskussion um ein neues Ludwig-II.-Denkmal, provisorische Erinnerungszeichen für den Widerstand in Neuhausen oder Wettbewerbe für Gedenkorte zu terroristischen Gewalttaten.

Monumente der Erinnerungskultur sind keine neutralen Zeugnisse, sondern Teil von Aushandlungsprozessen: Ihre Bedeutung wird von verschiedenen Gruppen geprägt, verändert sich im Lauf der Zeit und spiegelt das Denken einer Epoche. In einer Gegenwart, in der Denkmäler auch wegen postkolonialer oder politischer Kritik in Frage gestellt, umgedeutet oder abgebaut werden, will das Seminar ausdrücklich auch die kritischen Stimmen in den Blick nehmen.

Anhand ausgewählter Beispiele in München vom frühen 19. Jahrhundert bis heute untersuchen wir, wie Erinnerung gestaltet wird, welche Deutungen sich durchsetzen – und wie Form, Ort und Material die Gedächtnisleistung von Denkmälern prägen. Dabei bewegen wir uns im Stadtraum und treffen uns zu thematisch/lokal gruppierten Sitzungen jeweils vor Ort. 

Neben der inhaltlichen Beschäftigung mit der Denkmalsthematik, die auch den methodischen Zugriff auf solche Objekte thematisieren möchte, werden wir Kenntnisse rund um das wissenschaftliche Arbeiten auffrischen bzw. vertiefen.

In der Veranstaltung lesen wir gemeinsam historische und aktuelle Beiträge aus der Kunstgeschichte und analyiseren bzw. diskutieren ihre methodischen Herangehensweisen. Ziel ist es, dass die Teilneherm:innen eine Vorstellung von der Entwicklung unseres Fachs und von seinen gegenwärtigen Methodenfragen gewinnen. Die Bereitschaft zur Lektüre ist - selbstredend? - eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Teilnahme am Kurs.

Zu den Aufgaben einer global ausgerichteten Kunstgeschichte gehören auch die selbstreflexive Aufarbeitung des europäischen Kulturerbes und die Erforschung eurozentrischer Kanonisierungspraktiken. Unter dieser Prämisse widmet sich die Vorlesung beispielhaft der künstlerischen Rezeption der antiken Skulptur “Torso Belvedere” (Apollonius von Athen, ca. 1. Jh. v. Chr., Vatikanische Museen Rom) als einem einflussreichen und widersprüchlichen Untersuchungsgegenstand im Zentrum des kunsthistorischen Kanons. Wie kein anderes antikes Kunstwerk prägte diese nur als Fragment bekannte Skulptur in entscheidendem Maße nicht nur Bilder von ‚Antike‘ oder ‚Renaissance‘, sondern im besonderen Maße auch von ‚Moderne‘. Wie wurde ein einziges Werk zu einem Epochenmacher? Wie entsteht überhaupt ein Kanon und wo droht er zu scheitern?

Die Vorlesung möchte die scheinbar ungebrochene Bedeutung des “Torso Belvedere” im euro-amerikanischen Kanon befragen und dabei bis in den Maschinenraum der Kanonmaschine vordringen. Sie tut dies anhand bisher marginalisierter Themen, Künstler*innen und Medien. In Anbetracht der einflussreichen Wertproduktion und der enormen kulturgeschichtlichen Reichweite der Skulptur sollen so neue Aussagen über eurozentrische Kanonbildung und Normativität ermöglicht werden, die anhand des “Torso Belvedere” immer wieder neu ausgehandelt wurden.


Was bedeutet uns heute in Europa im Zeitalter der Großmachtpolitik die Riesen, Rathäuser und Brunnen in den Zentrum unserer Städte? Wie stehen diese zu unserer heutigen, demokratischen Repräsentation? Die kommunale Repräsentation ist ein Hauptthema der Kunstgeschichte, in diesem Kontext sind Werke wie der die Gute Regierung von Lorenzetti, der David Michelangelos  oder das Amsterdamer Rathaus entstanden. Die Vorlesung wird einerseits die große Vielfalt und das reiche Kulturerbe dieser Form der künstlerischen, politischen Kommunikation entfalten, die heterogene Motivwelt auffächern und die Kontinuitätslinien zeichnen. Die Vorlesung kann als Einführung in die Kunst der Frühen Neuzeit belegt werden.