Biographien sind nicht nur Erzählungen über individuelle Lebenswege, sondern auch Spiegel gesellschaftlicher, religiöser und kultureller Entwicklungen. In diesem Seminar werden jüdische Lebensgeschichten von der biblischen Zeit bis ins 20. Jahrhundert untersucht, die tiefgreifende Transformationen in der jüdischen Geschichte, Religion, Literatur und Kultur widerspiegeln. Dabei werden sowohl Lebensgeschichten untersucht, anhand derer sich Transformationen der jüdischen Kultur, Geschichte, Religion und Literatur nachzeichnen lassen, als auch biographische Texte, die diese Umbrüche thematisieren. Darüber hinaus werden Persönlichkeiten betrachtet, die solche Transformationen nicht nur widerspiegeln, sondern sie maßgeblich vorangetrieben haben. 

Ein besonderer Fokus liegt auf der Vielfalt jüdischer Lebenswelten über verschiedene Epochen und geografische Räume hinweg. Die Analyse von Biographien aus aschkenasischen und sephardischen bzw. mizrachischen Kontexten ermöglicht einen breiten Vergleich, der verdeutlicht, wie jüdische Identität und Zugehörigkeit in unterschiedlichen Gesellschaften und politischen Systemen verhandelt wurden. Ebenso werden weibliche und männliche Perspektiven in den Blick genommen, um die geschlechtsspezifischen Herausforderungen und Handlungsspielräume sichtbar zu machen, mit denen jüdische Frauen und Männer in unterschiedlichen historischen Kontexten konfrontiert waren. Zudem wird die Darstellung jüdischer Persönlichkeiten in verschiedenen literarischen und historiographischen Traditionen reflektiert: Wie verändert sich die Erzählweise über jüdisches Leben im Laufe der Zeit? Welche Narrative wurden über jüdische Identität konstruiert, welche Perspektiven blieben marginalisiert? 

Dabei wird das Wechselspiel zwischen individuellen Erfahrungen und kollektiven Umbrüchen untersucht, um jüdische Biographien als zentrale Quellen für die historische, kulturelle und religiöse Entwicklung des Judentums zu erschließen. Das Seminar bietet somit nicht nur einen Einblick in verschiedene Lebensgeschichten, sondern lädt auch dazu ein, über die Konstruktion von Biographien als historische Erzählformen und Identitätskonzepte nachzudenken.