Günter Eich (1907–1972) und Ilse Aichinger (1921–2016), die sich bei einem Treffen der Gruppe 47 kennenlernten und 1953 heirateten, gehören zu den Größen der Nachkriegsliteratur. Die biographischen Voraussetzungen ihres Wegs in den Literaturbetrieb der Bundesrepublik waren unterschiedlich: Günter Eich, der aus Brandenburg stammte, war ab den späten 1920er Jahren als Dichter hervorgetreten und hatte sich ab 1933 als Rundfunkautor dem NS-Regime angedient; nach Kriegsende publizierte er den Gedichtband „Abgelegene Gehöfte“ (1948). Die vierzehn Jahre jüngere, als ‚Halbjüdin‘ von den Nationalsozialisten verfolgte Ilse Aichinger überlebte die Kriegsjahre gemeinsam mit ihrer Mutter als Zwangsarbeiterin in Wien und debütierte 1945/46 mit kurzen Prosatexten; für die rückwärts erzählte „Spiegelgeschichte“ (1949) erhielt sie 1952 den Preis der Gruppe 47.
Im Seminar werden wir untersuchen, wie sich Eichs und Aichingers Schreiben in der Nachkriegszeit entwickelte. Das wird uns Anlass sein, die Epochenbezeichnung ‚Nachkriegsliteratur‘ kritisch zu reflektieren: Während etwa Eichs Gedicht „Inventur“ immer wieder als Exempel für die sogenannte ‚Kahlschlagliteratur‘ herangezogen wird, fügt sich Aichingers „Aufruf zum Mißtrauen“ nicht ohne Weiteres in solche Kategorisierungen ein.
Neben Aichingers Roman „Die größere Hoffnung“ (1948) lesen wir Gedichte und Prosastücke Eichs und Aichingers; eingehend werden wir uns mit ihren Arbeiten für den Rundfunk auseinandersetzen, darunter so berühmte Hörspiele wie Eichs „Träume“ (1951) und Aichingers „Knöpfe“ (1953).

- Teacher: Kathrin Wittler