Die Autobiographie ist ein etablierter Gegenstand der Literaturtheorie; in den letzten Jahren hat auch das Genre der Autofiktion einige Aufmerksamkeit erhalten. Wir wissen also recht viel darüber, wie „Selberlebensbeschreibung“ (Jean Paul) funktioniert. Aber wie sieht es eigentlich mit dem Schreiben über das Leben anderer Menschen aus?
Dieser Frage geht das Seminar nach: Wir werden erkunden, wie sich das Genre der Biographie literaturwissenschaftlich beschreiben lässt und welche Theorieansätze es dazu gibt, von Pierre Bourdieus Essay „L’illusion biographique“ (1986) über die Rede von einem ‚biographical turn‘ bis zu Angela Steideles „Poetik der Biographie“ (2019). Ein besonderes Augenmerk wird den Möglichkeiten der Spekulation und der Fiktion gelten, die mit Konzepten wie dem ‚kritischen Fabulieren‘ (Saidiya Hartman) aktuell intensiv diskutiert werden und sich insbesondere für die sozialkritische, feministische, queere und postkoloniale Biographik als produktiv erwiesen haben.
Neben Biographien bekannter Persönlichkeiten werden uns auch Beispiele für den erzählerischen Umgang mit vergessenen, lückenhaft überlieferten Lebensgeschichten beschäftigen, darunter Angela Steideles Buch „In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721“ (2004) und Saidiya Hartmans Buch „Wayward Lives, Beautiful Experiments. Intimate Histories of Riotous Black Girls, Troublesome Women, and Queer Radicals“ (2019).
- Profesor: Kathrin Wittler