In Krisenzeiten erlangen Gerüchte und andere alternative Mechanismen der Wissensbeschaffung (Weissagungen, historische Analogien sowie mündlich transportierte Nachrichten und Narrative) eine herausragende soziale Bedeutung. Wie lässt sich dieser Bedeutungszuwachs in Zeiten von Krieg und Zensur geschichtswissenschaftlich erklären und beschreiben? Wie verhielten sich solche Formen der Alltagskommunikation zum massenmedialen Angebot (Presse, Radio, Kino etc.)? Wie reagierten autoritäre Staaten auf die kommunikative Herausforderung „von unten“? Jüngste Forschungsergebnisse zu Funktion und Verbreitung von Gerüchten in unterschiedlichen historischen Kontexten – zum Beispiel zu Frankreich und Österreich-Ungarn während des Ersten Weltkriegs, zum kolonial beherrschten Algerien, zum nationalsozialistischen Deutschland sowie zur Sowjetunion unter Stalin – haben die herausragende Stellung dieser Art informeller Kommunikation im Zeitalter der Extreme (Eric Hobsbawm) verdeutlicht. Im Zuge der Übung sollen unterschiedliche Fallstudien betrachtet werden, um auf dieser Grundlage theoretische Fragen rund um die Begriffe Wahrheit, Faktizität und Formalität (in Anlehnung an aktuelle Debatten zu „fake news“ und Postfaktizität) zu diskutieren.