Nach dem Zweiten Weltkrieg entschieden sich sechs europäische Länder im Jahr 1951 dafür, ihre Kohle- und Stahlindustrien gemeinsam zu organisieren, um Wiederaufbau und Friedenssicherung zu unterstützen. Dafür wurde ein Teil der nationalen Souveränität an eine supranationale Behörde delegiert: Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, kurz: Montanunion) war geboren und setzte einen vielschichtigen Entwicklungsprozess der europäischen Integration in Gang, der im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zur Etablierung der heutigen Europäischen Union führte.

Deutschland hat sich von Anfang an an diesem Prozess beteiligt und wird heute oft als ein sehr einflussreiches Mitglied, wenn nicht als ein Motor dieser Integrationsprozesse, betrachtet. Dieser Kurs befasst sich unter anderem mit der Frage, wie sich national und international ein Wandel von der Wahrnehmung eines „deutschen Problems“ hin zu einer einigenden Führungsrolle Westdeutschlands in Europa vollziehen konnte. Wie hat die Bundesrepublik die verschiedenen Entwicklungen des Integrationsprozesses beeinflusst oder sogar angestoßen? Und umgekehrt, wie hat sich die deutsche Gesellschaft mit der Mitgliedschaft in europäischen Organisationen bis hin zur EU verändert?

Mit einem Fokus auf die Rolle (West-)Deutschlands in Europa vermittelt die Übung grundlegendes Wissen über die wichtigsten Etappen des Integrationsprozesses bis zum Inkrafttreten des Maastrichter Vertrages 1992. Wie und warum ist man von der Integration zweier Industrien zur Integration aller Wirtschaftssektoren übergegangen und von dort zur Etablierung supranationaler Handlungsfelder in außerwirtschaftlichen Bereichen wie beispielsweise in der Kultur- oder Umweltpolitik? Wie haben sich die europäischen Gemeinschaften erweitert? Was sind die verschiedenen europäischen Institutionen, und wie arbeiten sie zusammen? Neben diesen inhaltlichen Grundlagen liegt der Fokus der Übung auf der kritischen Arbeit mit unterschiedlichsten Quellengattungen (beispielsweise: Institutionelle oder private Quellen, Oral History Interviews, visuelles Material, …).