Die christliche Ethik stützt sich auf die Anthropologie in Verbindung mit der soteriologischen Frage. Die vom orthodoxen Christentum eingeführte Innovation in der Betrachtung des moralischen Lebens, basiert auf dessen Ontologie, und zwar deshalb, weil sie nicht eine neue Moral für den Menschen darstellt, sondern einen neuen Menschen, den neuen Menschen in Christus, der berufen ist, das neue Leben in Ihm zu leben. Die ontologische Grundlage der orthodoxen Ethik liegt in der Menschwerdung des göttlichen Logos und manifestiert sich mit der Auferstehung. Orthodoxe Ethik ist aus diesem Grund nur als Ethik der Auferstehung denkbar und anwendbar. Sie ruft den Menschen dazu auf, die Angst vor dem Tod zu überwinden und frei davon zu leben. Die Erfahrung der Auferstehung wird mit substanzieller Liebe, das heißt selbstloser Liebe, erlebt. Der Kampf gegen den Egoismus und die Kultivierung selbstloser Liebe ist in der patristischen Tradition aus diesem Grund der Weg zur Vollkommenheit des Menschen – der Weg zur Theosis. Orthodoxe Ethik kann also nicht als Regelethik gesehen werden, sondern als eine Richtlinie zur Teilhabe am Leben Gottes. Die Gebote sind aus diesem Grund keine verbindlichen Regeln, sondern Gebote der Freiheit, die den Menschen von der Sünde befreien und ihn im Leib Christi erneuern sollen. Ethik ist somit mit der Freiheit des Menschen verbunden und zielt auf seine Vervollkommnung als freier Mensch hin. Freiheit ist keine Promiskuität, Hingabe an das Fleisch und seine Wünsche oder selbstsüchtige Besessenheit von ideologischen Plänen. Sie wird mit der Liebe gewonnen, die aus dem Kreuz Christi hervorgeht. Laut Gregor von Nyssa ist der Mensch frei, weil er Gott repräsentiert und die Fähigkeit besitzt, Gott durch die Gnade durch einen kontinuierlichen Prozess der Vollkommenheit zu ähneln, wobei er sich durch die Freiheit freiwillig der Tugend oder der Sünde zuwenden kann. Schließlich resultiert das Böse laut Gregory Palamas aus dem falschen Einsatz der Selbstgerechtigkeit des Menschen. Die Studierenden sollen in Rahmen der Vorlesung mit den wichtigsten Fragestellungen der Orthodoxen Ethik konfrontiert werden, sowie die theologischen Grundbegriffe die in der Orthodoxen Ethik gebraucht werden kennenlernen. Literatur: N. Berdiajev, Von der Bestimmung des Menschen. Versuch einer paradoxalen Ethik, Bern – Leipzig 1935. H. C. Brennecke, Ethik im antiken Christentum, Leuven 2011. P. Evdokimov, Une vision orthodoxe de la théologie morale. Dieu dans la vie des hommes, Paris 2009. C. Frey, Repetitorium der Ethik, 3. Aufl., Waltrop 1997. C. Giannaras, The Freedom of morality, Creestwood NY 1984; S. Harakas, Wholeness of Faith and Life: Orthodox Christian Ethics, Part one: Patristic Ethics, Part two: Church Life Ethics, Part three: Orthodox Social Ethics, Brooklin-Massachusetts 1999. M. Honecker, Einführung in die theologische Ethik: Grundlagen und Grundbegriffe, Berlin 1990. G. Mantzaridis, Grundlinien christlicher Ethik, St. Ottilien 1998. E. Mühlenberg, Altchristliche Lebensführung zwischen Bibel und Tugendlehre Ethik bei den griechischen Philosophen und den frühen Christen, Göttingen 2006. T. Rendtorff, Ethik, Bd.1, 2 Aufl., Stuttgart 1990. E. Schockenhoff, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg i. Br. (u.a) 2007. A. Vletsis, Dogmatik oder Ethik? Prolegomena zur systematischen Theologie in der Orthodoxie, in: Orthodoxes Forum 14 (2000) 35-50. Ders., Bildung durch die Praxis der „Gewöhnung“? Von der Kraft der Gestaltung menschlichen Lebens in der Orthodoxie, in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 71 (2019) 415-431.